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Heinrich E. Linde-Walther: Kind im Spielzimmer

Barn i legeværelset

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1901 | Öl auf Leinwand, 123 x 93,5 cm

Das klassische Familienbild als Porträt der einzelnen Familienmitglieder wird um 1900 mehrheitlich von der Fotografie bedient. Die Malerei konzentriert sich auf ihre Stärken, wie etwa die Charakterisierung der darzustellenden Personen. In diesem Sinne schuf Linde-Walther die eindrucksvolle Charakterstudie eines kleinen Mädchens im Spielzimmer, wie es im Bildtitel heißt. Tatsächlich ist dem Kind eine Ecke zwischen Esszimmer und Salon zum Spielen überlassen. Beleg dafür, dass kindliches Spiel nun fest integrierter Bestandteil des Familienlebens ist. Dennoch umgibt das Kind in Linde-Walthers Bild eine gewisse Unsicherheit, fast Traurigkeit. Es steht allein und unvertraut mit der Situation, beobachtet und porträtiert zu werden. Es posiert also nicht für ein Porträt, sondern ist in einem ganz unrepräsentativen Moment eingefangen.

Linde-Walther malte das Bild wohl Ostern 1901 in Berlin. Dargestellt ist Else Gensel, Tochter des Kunsthistorikers Walther Gensel (1870–1910), mit dem sich der Maler 1898 in Paris angefreundet hatte. 1901 traf man in Berlin wieder zusammen und Linde-Walther bat Gensel, dessen Töchter malen zu dürfen. Die damals vierjährige Else erinnerte sich später, dass sie „Linde die Tuben ausdrücken durfte und […] einen Osterhasen bekam, wenn [sie] stillgehalten hatte.“ Das Porträt ihrer zweieinhalb Jahre alten Schwester, die vor ihr auf dem Boden spielte, soll später vom Maler „weggekratzt“ worden sein.

Alexander Bastek