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Heinrich E. Linde-Walther: Kinder im Fenster

Børn i vinduet

30.jpg 1868-1939 | Öl auf Leinwand, 70 x 58,5 cm

Als Porträtist war Linde-Walther vor allem als Maler von Kindern geschätzt. Neben Auftragsporträts malte er Kinder aus seiner Familie oder seinem Freundeskreis. Meist sind die Dargestellten in alltäglichen Situationen festgehalten, wodurch die Kinderbildnisse genrehafte Züge tragen. So erscheinen auch die drei nicht näher identifizierten Kinder im vorliegenden Bild spontan in einer alltäglichen Situation ins Bild gesetzt. Sie schauen den Betrachter aus einem geöffneten Fenster, von dem der Rahmen und ein Fensterflügel zu sehen sind, heraus an. Ein Mädchen mit rotem Kleid und Zopfband hat sich zentral in Fenster und Bild positioniert und seinen rechten Arm aufs Fensterbrett gestützt. Es blickt den Betrachter ebenso direkt an, wie das Mädchen zu seiner Linken und der Junge rechts, die schon etwas in den Hintergrund rücken mussten, um noch einen Platz am Fenster zu erhalten. Über ihren Köpfen blickt man ins Innere des Hauses, in dem eine Frau – möglicherweise die Mutter – mit gesenktem Blick eine Schale trägt. Ähnlich wie im Bild „Hartengrube“ (Kat. 14) kontrastiert Linde-Walther hier kindliche Aufmerksamkeit und Neugier mit Teilnahmslosigkeit der Erwachsenen.

Das klassische Schema, ein Gemälde als Blick aus dem geöffneten Fenster zu gestalten, erfährt hier seine Anwendung in umgekehrter Richtung. Die im Fenster sichtbaren Kinder erscheinen durch den Fensterrahmen bereits im idealen „Bildausschnitt“. Durch die lebendige Erscheinung der Mädchen und des Jungen hat man den Eindruck, der Maler müsse das Motiv tatsächlich spontan „gefunden“ haben. Das Motiv hat jedoch seine Vorbilder. Neben Beispielen der klassischen Porträtmalerei ist dabei vor allem an das genrehafte Bild „Junge Bäuerin mit drei Kindern im Fenster“, das der Wiener Biedermeiermaler Ferdinand Georg Waldmüller 1840 schuf, zu denken. Der bei Waldmüller für die Bildwirkung entscheidende Trompe-l’oeil-Effekt weicht bei Linde-Walther aber zugunsten des Momenthaften und Impressionistischen.

Alexander Bastek