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Gotthardt Kuehl: Lübecker Waisenhaus

Vajsenhuset i Lübeck

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1894 | Öl auf Leinwand, 87 x 131 cm

Während sich Max Liebermann dem Motiv des Waisenhauses erstmals 1876 in Amsterdam zuwandte, konnte Gotthardt Kuehl dasselbe einige Jahre später in seiner Heimatstadt studieren. Das 1546/47 gegründete Lübecker Waisenhaus zählt zu den ältesten in Deutschland. Als Gotthardt Kuehl 1894 den großen Saal mit den lesenden und spielenden Kindern malte, hatte das Waisenhaus seinen Ort in der Nähe des Doms (Ecke Domkirchhof/Fegefeuer) gefunden. Kuehl zeigt das Waisenhaus als enge Gemeinschaft, als Ort, an dem Kinder heranwachsen, lernen und sich entfalten können. Die Kinder lesen oder machen Handarbeiten, sie spielen, schreiben oder zeichnen. Sie können sich frei bewegen und, wie im Hintergrund zu sehen, in einem unbeobachteten Moment den großen Dielenschrank erklimmen. Darüber hinaus ist der gezeigte Gemeinschaftssaal mit Bildern ausgestattet, und die Werkzeugwand im Hintergrund verweist auf handwerkliche Arbeit und Ausbildung. Alle sind individuell beschäftigt und die Waisenhaustracht – rote Kleider mit blauen Schürzen bei den Mädchen und blaue Anzüge bei den Jungen – verbindet sie zu einer Gemeinschaft. In vielen von Kuehls Gemälden lassen sich Details herausgreifen, die gut als eigenständige Bilder funktionieren würden. Im Waisenhaus sind das neben einzelnen Figuren vor allem das Blumenstillleben rechts vorn und der Türdurchblick hinten links. Die entlang der Tische extrem in die Bildtiefe stürzende Fluchtlinie verbindet all diese Einzelmotive zu einem harmonischen Ganzen, das zugleich Ruhe und Dynamik ausdrückt.

Alexander Bastek