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Heinrich E. Linde-Walther: Die Hartengrube in Lübeck

Die Hartengrube i Lübeck

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1900/1903 | Öl auf Leinwand, 71,5 x 91 cm

Auf den ersten Blick ist Linde-Walthers Straßenszene ein unspektakuläres Stadtporträt. Zu sehen ist die zwischen Dom und Trave verlaufende Hartengrube, eine typische Lübecker Altstadtstraße mit Giebelfassaden und roten Dächern. Belebt wird das Bild durch die Figurenstaffage. Die Personen im Vordergrund fallen sogleich ins Auge: eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter. Während sich die Mutter mit gesenktem Blick rechts aus dem Bild herausbewegt, schaut das Kind, von dem kaum mehr als der Kopf und die Schultern zu sehen sind, den Betrachter direkt an. Auch im Mittelgrund sieht man Passanten, die weder ihre Umgebung noch den Maler wahrzunehmen scheinen. Durchbrochen wird diese Straßenszene mit anonymen Passanten durch das Mädchen im Vordergrund. Es schaut neugierig, vielleicht ein wenig ängstlich, aber doch mutig genug, den Maler direkt anzublicken, aus dem Bild heraus. Dort hat sich der Künstler mit seiner Staffelei postiert. So treffen sich nun zwei verwandte Blicke: die unvoreingenommene Wahrnehmung, das neugierige Schauen des Mädchens und der künstlerische Blick des Malers, der in der unscheinbaren Straßenflucht ein bildwürdiges Motiv erkannt hat. So schuf Linde-Walther eine moderne Stadtimpression mit unverfälschtem Blick, wie er uns in der Welt des Kindes wieder begegnet.

Als Linde-Walther das Gemälde 1903 in der Berliner Secession ausgestellt hatte, sah es noch anders aus (Abb.). Statt der Mutter mit Tochter hatte der Maler zunächst einen Herrn mit Reitgerte und Strohhut in den Händen im Vordergrund platziert. Dessen skeptischer Blick in Richtung des Malers, aus dem völliges Unverständnis für das Malen unter freiem Himmel spricht, scheint Linde-Walther dann doch zu störend gewesen zu sein. Er korrigierte das Bild und schuf sich mit dem Kind einen Verbündeten.

Alexander Bastek