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Ernst Ludwig Kirchner: Straßenbahn und Eisenbahn

Sporvogn og tog

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1914 | Öl auf Leinwand, 71 x 80,2 cm

Die Maler der Künstlervereinigung Brücke, zu deren Gründungsmitgliedern Kirchner 1905 zählte, prägten die Kunst des deutschen Expressionismus maßgeblich. Nachdem sie sich zunächst hauptsächlich mit der Darstellung der menschlichen Figur (Akte in der Natur) befasst hatten, wandten sie sich der modernen Großstadt zu. Im Oktober 1911 war Kirchner, wie zuvor schon Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel, von Dresden nach Berlin gezogen. Er mietete ein Atelier in der Durlachstraße in Wilmersdorf, in dem Haus, in dem auch Pechstein wohnte. Später zog er dann nach Steglitz in die Körnerstraße 45.

Kirchner hielt in seinem Gemälde „Straßenbahn und Eisenbahn“ den Blick aus seinem Steglitzer Atelier fest. Von seinem Fenster im fünften Stock aus sah Kirchner die Friedenauer Brücke, auf der damals eine Straßenbahn verkehrte. Die Kreuzung mit der darunter fahrenden Eisenbahnlinie veranschaulicht den modernen Großstadtverkehr, den Kirchner – da er auf figürliche Staffage verzichtete – vor allem in seiner technischen Dimension zeigt. Die vorherrschenden Diagonalen – schräg gesehene Häuserfronten und Verkehrswege – verdeutlichen das Ausschnitthafte ebenso wie die mit großstädtischem Leben verbundene Dynamik.

In den Jahren zwischen 1911 und 1914 bewegt sich Kirchners Werk zwischen Landschaftsdarstellungen und Bildern der modernen Großstadt. Noch 1914 hatte er den Sommer auf Fehmarn verbracht und dort zahlreiche Landschaftsbilder gemalt. Bezeichnenderweise ist das Fragment einer Landschaft auf der Rückseite des Gemäldes „Straßenbahn und Eisenbahn“ zu sehen. Kirchner nutzte die Leinwand also, um die Landschaft zu verwerfen und sich ganz einem Motiv der modernen Großstadt zuzuwenden.

Alexander Bastek